Die Nickel Boys

Veröffentlicht am 13. Juni 2026 um 19:58

Mit Die Nickel Boys haben wir einen ganz speziellen Fall. Eigentlich müsste das ein überragender Film sein, mit einem starken emotionalen Kern. Alle Zutaten dafür sind vorhanden und im Film überdeutlich erkennbar.

Leider erschwert die bewusst gewählte Inszenierung sowie die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird den Zugang für den Zuschauer. Dadurch wird die emotionale Wirkung fast schon torpediert. 

 

 

Worum geht´s: 

Die Geschichte begleitet zwei afroamerikanische Jungs, die in den 1960er‑Jahren in eine Besserungsanstalt geschickt werden. Dort müssen sie einen harten, von Rassismus geprägten Alltag durchstehen. Ihre Freundschaft wird zu einem der wenigen Dinge, die ihnen Hoffnung geben und ihnen hilft, ihre Würde nicht zu verlieren.

 

 

Wie bereits gesagt, klingt das eigentlich prädestiniert für einen starke, emotionale Geschichte, wenn da nicht die Erzählweise in der Ego-Perspektive. (Zum Verständnis: Das ist die Perspektive, die man z.B. aus Videospielen/Shooter wie Call of Duty kennt)

Das Vorhaben von Regisseur RaMell Ross ist durchaus mutig, und ich möchte ihm auch zugutehalten, dass er etwas Neues und Gewagtes ausprobiert hat. Im Kontext eines Dramas geht dieses Experiment für mich jedoch kaum auf. Durch die Perspektive sehen wir die Ereignisse ausschließlich durch die Augen der Jungen, wortwörtlich. Dadurch geht ein Großteil der emotionalen Tiefe verloren. Das zentrale Problem ist, dass wir zwar beobachten, was die Figuren durchleben, aber nicht sehen, was es mit ihnen macht. Die Erlebnisse haben dadurch wenig Gewicht, wirken auch nach und insgesamt entsteht ein eher steriler Eindruck. 

Zusätzlich wird die Geschichte sehr episodenhaft erzählt und springt immer wieder zwischen den beiden Jungs hin und her. Das erschwert die Orientierung weiterhin und macht den Zugang noch schwieriger. Gerade in Anbetracht der Laufzeit von 140 min ist das ein deutlich spürbares Problem.

Das ist umso bedauerlich, weil die Inszenierung soweit wirklich gelungen ist. Der Film sieht optisch hervorragend aussieht, die Schauspieler wirken glaubwürdig und die Handlung ist keineswegs uninteressant ist. Hat man sich erstmal an die Perspektive gewöhnt, funktioniert er stellenweise durchaus und vor allem das Ende ist sehr stark. Allerdings hat es bei mir lange bis ich hineingefunden habe, und durch die fehlende emotionale Verbindung zur Geschichte war ich am Ende nicht so berührt, wie es möglich gewesen wäre. 

 

Die Nickel Boys ist definitiv kein uninteressanter Film, und ich möchte nochmal betonen, dass ich es wertschätzen kann, dass hier sich etwas Neues ausprobiert wurde. Dennoch halte ich diese Perspektive für dramatische Stoffe schlichtweg für ungeeignet.

Empfehlen würde ich ihn trotzdem, da im Kern immer noch ein guter Film vorhanden ist. Vielleicht geht dieses Experiment für den ein oder andere Zuschauer ja sogar auf. 

Punkte (6,5/10)

 

Zusatz:

Wer sehen möchte, wie die Ego-Perspektive besser funktionieren kann, dem kann ich das Action-Feuerwerk Hardcore empfehlen. Der Film ist zwar ebenfalls gewöhnungsbedürftig und kann schnell zu Motion Sickness führen, nutzt die Perspektive aber deutlich effektiver. Ein kleiner Guilty Pleasure. 😉


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