Der Astronaut - Project Hail Mary

Veröffentlicht am 17. August 2026 um 13:33

Erwartungshaltungsmanagement ist für Filmfans ja manchmal gar nicht so einfach. Da braucht es nur eine coole Idee, ein stimmigen Trailer und talentierte Leute vor und hinter der Kamera, und schon kann seine Erwartungen nicht mehr zügeln. Das so etwas auch grandios schiefgehen kann, habe ich vor allem letztes Jahr am eigenen Leib spüren müssen, als beinahe jeder zweite Kinobesuch hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist.

2026 scheint diese Misere aber größtenteils vorbei zu sein, und Der Astronaut (eng. Project Hail Mary) konnte zum Glück meine Erwartungen fast vollständig erfüllen. Project Hail Mary ist ein großartiger Feel-Good-Science-Fiction Film geworden, der obendrein noch einen überraschenden Box-Office-Erfolg vorweisen kann und eindrucksvoll zeigt, dass das Kino alles andere als gestorben ist.

 

 

Worum geht´s?

Ryland Grace erwacht allein an Bord eines Raumschiffs, ohne Erinnerung daran, wer er ist oder warum er dort ist. Während er seine Vergangenheit Stück für Stück rekonstruiert, wird ihm klar, dass er auf einer Mission von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Menschheit ist. Seine einzige Chance auf Erfolg sind sein wissenschaftlicher Scharfsinn und sein Einfallsreichtum.

Achtung Spoilerwarung:

In dieser Review fällt es mir schwer, einige Inhaltspunkte unerwähnt zu lassen. Ich versuche zwar, sie weitgehend oberflächlich zu halten, aber ganz weglassen lässt sich hier nur schwer etwas. Wer also gar nichts wissen will, sollte ab hier nicht mehr weiterlesen!

 

 

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Andy Weir, der auch die Romanvorlage zum grandiosen Der Marsianer geschrieben hat. Und als jemand, der das Buch im Vorfeld gelesen hat, kann ich sagen, dass Project Hail Mary eine wirklich großartige und überwiegend originalgetreue Adaption geworden ist, die meiner Meinung nach aber unter einigen Schönheitsfehlern leidet, welche ihm den Meisterwerk-Rang verwehren.

Die Geschichte eines Mannes, der ins Weltall geschickt wird, um das Sonnensystem zu retten, und dort auf eine außerirdische Begegnung stößt, die sich zu einer waschechten Freundschaft entwickelt, ist dabei weitgehend dieselbe wie in der Romanvorlage. Natürlich wurden hier und da einige Änderungen vorgenommen, ohne die Handlung jedoch grundlegend zu verändern. Und das ist etwas Gutes, denn die Geschichte ist einfach wahnsinnig sympathisch und herzerwärmend. Die Figuren und ihre emotionale Reise behält der Film weiterhin im Zentrum der Handlung, und gerade diese ungewöhnliche Freundschaft funktioniert auf der Leinwand ebenso großartig wie im Roman. Sie sorgt für viele schöne, aber auch berührende Momente, die bei sehr sentimentalen Personen (also bei mir) kein Auge trocken lassen werden. 

Dazu ist Ryan Gosling als Hauptdarsteller einfach die goldrichtige Wahl für diese leichtfüßige Erzählung. In meiner Blade Runner 2049-Kritik habe ich Gosling ja noch für sein introvertiertes Schauspiel gelobt, dass er aber auch ganz anders kann, hat er spätestens mit Barbie bewiesen. In Project Hail Mary spielt er glücklicherweise nicht ganz so überdreht, sondern schafft es auf der einen Seite, mit seinem komödiantischem Talent zu überzeugen, während auf der anderen Seite auch seine Fähigkeiten, Emotionen glaubwürdig zu transportieren, nicht untergeht.

Was der Geschichte und Ryan Goslings Schauspiel wortwörtlich die Show stielt, sind die bahnbrechend Effekte und das gesamte Produktionsdesign. Was hier visuell auf die Beine gestellt wurde, ist wirklich unbeschreiblich. Vor allem das Raumschiff, in dem sich Ryland Grace hauptsächlich aufhält, wurde mit einer Liebe zum Detail entworfen und ausgestattet. Dass dabei nahezu vollständig auf Computer-Effekte verzichtet wurde, ist in der heutzutage alles andere als selbstverständlich. Und selbst wenn CGI-Effekte zum Einsatz kommen, sehen diese fantastisch aus. Das ist ehrliches Kino, bei dem sich Leute wirklich Gedanken gemacht haben, wie man etwas am besten und schönsten Umsetzen kann. Dafür nimmt man sogar ein Budget von beinahe 250 Mio. $ in die Hand, von dem man jeden einzelnen Cent auf der Leinwand sieht. Gerade auf einer IMAX-Leinwand sehen die Weltraumsequenzen einfach nur zum Dahinschmelzen aus.

Der Star des Films ist aber der Außerirdische, mit dem sich unsere Hauptfigur anfreundet, und die grandiose Puppenarbeit hinter der Figur. Man muss sich einfach vor der Liebe zum Detail und den Aufwand verbeugen, den die Macher auf sich genommen haben, um das kleine Kerlchen nahbar, realistisch und sogar vorlagetreu umzusetzen. Nur dadurch kann man diese ungewöhnliche Freundschaft als Zuschauer auch wirklich spürt. Und all das wieder, ohne groß auf Computer-Effekte zurückgreifen zu müssen.  

 

Leider muss ich jetzt aber auch noch die kleinen Schönheitsfehler erwähnen die mich persönlich dann doch gestört haben. Einer davon betrifft die Erzählstruktur, die in der Vorlage auch schon nicht perfekt war, der Film aber weitestgehend übernimmt. 

Der Film wechselt zwischen Weltall-Gegenwart und Erde-Vergangenheit hin und her, und das ist mir manchmal zu willkürlich gewesen. Gerade am Anfang ruiniert das das Pacing spürbar. Da die Szenen auf der Erde im Vergleich zur Vorlage deutlich an Inhalt einbüßen müssen, fühlen sie sich zusätzlich sehr gehetzt und unausgegoren an. (Selbst wenn man die Buchvorlage nicht kennt, sind diese Szenen allgemein einfach zu schnell erzählt). 

Mein Hauptproblem ist aber der Humor in einigen Szenen, vor allem wieder am Anfang. Das habt ihr von mir auch schon häufiger gehört, gerade in Bezug auf Marvel-Filme, aber ich finde es generell sehr schade, wenn jegliche Stimmung, die ein Film eigentlich erzeugen möchte, durch einen deplatzierten Witz untergraben wird. Die Bedrohung, die hier aufgemacht wird und das ganze Sonnensystem betrifft, darf sich leider gar nicht entfalten und verliert dadurch einen Großteil ihrer Wirkung. Alle reißen hier munter Witze, keiner nimmt etwas ernst, und viele Szenen wurden bewusst so umgeschrieben, dass man daraus einen Witz machen kann. 

Das fand ich persönlich sehr schade, da der Film diese Flut an Humor gar nicht nötig hat. Im Verlauf fängt er sich durchaus wieder, und die Vorlage hat das meiner Meinung nach deutlich besser gelöst. Diese war auch schon Leichtfüßig erzählt, hat die Bedrohung und ihre Auswirkungen aber ernst genommen und nicht alles mit einem Witz aufgelockert. Natürlich funktioniert der Humor auch häufig sehr gut und eigentlich haben die Regisseure Phil Lord und Chris Miller ein wirklich gutes Gespür für Humor. Gerade zwischen Grace und seinem außerirdischen Freund funktioniert er teilweise hervorragend. Aber hauptsächlich geht es mir darum, dass ein bisschen weniger mehr gewesen wäre, etwas, was sie bei ihrem The Lego Movie sogar hinbekommen haben. 

Und was mich als Buchkenner dann noch gestört hat, was man aber definitiv als Geschmackssache einordnen kann, ist, dass mir Ryland Grace zu sehr verwässert wurde. Im Buch wird er als schüchterner, aber auch neugieriger, intelligenter und wissensdurstiger Mensch beschrieben den Situation entsprechend. Im Film war mir das an einigen Stellen zu inkonsistent und teilweise widersprüchlich. Zum Beispiel wird er zunächst als jemanden etabliert, dessen wissenschaftliche Neugier stärker ist als seine Ängste, später lässt man ihn aber zugunsten eines Gags deutlich hysterischer reagieren, als es zu dieser Charakterisierung passt.

 

 

Trotz dieser kleinen negativen Punkte macht Project Hail Mary eine Menge Freude und die 157 Minuten vergingen wie im Fluge. Auch wenn die Romanvorlage für mich in einigen Aspekten die etwas stärkere Version dieser Geschichte bleibt, ist die Verfilmung hervorragend gelungen. Umso fantastischer ist es, dass ausgerechnet so ein Film, der weder ein Sequel, Prequel, Reboot noch Remake ist und auch kein Franchise im Rücken hat, an den Kinokassen eingeschlagen ist wie eine Bombe und mittlerweile auf einem satten Einspielergebnis von 683 Mio. $ sitzt.

Diesen Film kann man wirklich jedem bedingungslos empfehlen, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man das hier nicht mögen bzw. zumindest sympathisch finden kann. (Solange man ein Herz hat, sollte das kein Problem sein! 😉)

Punkte (9/10)


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