Doctor Strange in the Multiverse of Madness

Veröffentlicht am 19. Oktober 2026 um 19:24

Da hatten wir mit Spider-Man: No Way Home noch einen richtig starken MCU-Beitrag, der das Marvel Cinematic Universe offiziell und sehr erfolgreich in die Multiversums-Timeline befördert hat, fährt der darauffolgende Film das Ganzer dann schon mit Vollgas gegen die nächste Wand. 

Doctor Strange in the Multiverse of Madness ist aus meiner Sicht ein ziemlich schlechter Film geworden, der nicht nur eindrucksvoll zeigt, wie man das Multiversum nicht umsetzen sollte, sondern sogar Black Widow als zweitschlechtester MCU-Beitrag von seinem Platz gestoßen hat. (Captain Marvel bleibt weiterhin an der unteren Spitze... Mal sehen, wie lange noch!) 

 

 

Worum geht´s?

Steven Strange wird mit einer jungen Frau namens America Chavez konfrontiert, die die außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, durch das Multiversum zu reisen. Als gefährliche Mächte hinter ihr her sind, begibt sich Strange auf eine Reise durch alternative Realitäten, in denen andere Versionen bekannter Figuren und ungeahnte Gefahren auf ihn warten. Während die Grenzen zwischen den Universen zu verschwimmen beginnen, muss er Entscheidungen treffen, die das Schicksal des gesamten Multiversums beeinflussen könnten.

 

 

Dabei gab es eigentlich einen Grund, der durchaus Lust auf den Film gemacht hat: Der Regisseur Sam Raimi. 

Dieser hat schließlich mit der großartigen Spider-Man-Trilogie mit Tobey Maguire Comicverfilmungen erst so richtig massentauglich gemacht. Von seiner spaßigen Horror-Reihe The Evil Dead ganz zu schweigen. Raimi besitzt einen sehr eigenen Stil mit sehr verspielter Inszenierung, unkonventionellen Kamerafahrten und einer Vorliebe für derben Humor. Gerade in Filmen wie The Evil Dead oder Drag me to Hell erkennt man seine Handschrift überdeutlich.  

Dass Raimi bei Doctor Strange 2 auf dem Regiestuhl sitzt, wurde im Marketing selbstverständlich nicht versäumt mehrfach zu betonen und selbst Kevin Feige trat ins Rappenlicht, um stolz vom angeblich ersten Horrorfilm des MCUs zu schwadronieren. 

Doch wie das bei einem Multimilliarden-Dollar-Franchise nun einmal ist, schaut man natürlich auf die vorherigen Erfolge. In diesem Fall war das Spider-Man: No Way Home, dessen Multiversums-Cameos bei vielen Zuschauern einen Nerv getroffen haben. Und vermutlich reichten dafür schon Trailerzahlen, Social-Media-Reaktionen und natürlich den Box-Office-Prognosen.

Unter Umständen kam es deshalb auch zu umfangreichen Reshoots, die auf eine bereits recht turbulente Produktion obendrauf kamen. Offiziell sollten diese dazu dienen, die Geschichte zu verfeinern und verschiedene Anpassungen vorzunehmen. Das mag durchaus stimmen, allerdings hatte ich beim fertigen Film eher das Gefühl, dass der Fanservice im Laufe der Produktion eine immer größere Priorität hatte als eine funktionierende Geschichte. Ob das tatsächlich die Ursache für die Probleme des Films ist, lässt sich natürlich nicht belegen. Wie gesagt, fühlt sich die fertige Version von Doctor Strange in the Multiverse of Madness erschreckend oft danach an.

 

Und damit wären wir auch schon beim größten Problem des Films: Die Geschichte selbst! Was hier teilweise einem an Handlung aufgetischt wird und wie diese vorangetrieben wird, ist ein einziges Trauerspiel.

Ganz allgemein ist die Geschichte unnötig verwirrende, völlig zusammenkonstruierte und ist in sich kaum schlüssig. Dazu wirken ganze Handlungsentscheidungen und -Entwicklungen unplausibel oder werden nicht vernünftig aufgebaut. Andere Aspekte werden im Eilverfahren abgefrühstückt und muss man einfach akzeptieren oder man verzichtet sogar gleich ganz auf eine Erklärung. Wichtige Informationen werden dann stattdessen in fürchterlichen Exposition-Dialogen heruntergerattert, bis man irgendwann als Zuschauer völlig die Orientierung und den Zusammenhang verliert. 

Gut, man kann mir jetzt natürlich vorhalten, dass ich die Disney+-Serie WandaVision nicht gesehen habe, um überhaupt die Charakterwandlung von Wanda nachvollziehen zu können. Und ja, das stimmt. 

Erstens, weil mir sämtliche Marvel-Serien nicht egaler sein könnten und ich es nicht einsehe, zusätzlich mehrere Serien sehen zu müssen, um bei einen Kinofilm verschiedene Ort, Figuren oder Entwicklungen vollständig nachvollziehen zu können. Zweitens, weil Kevin Feige vor Release versicherte, dass die Serien nicht verpflichtend seien, um das große Ganze weiterhin zu verstehen. Wenig überraschend war das natürlich gelogen.

Ohne WandaVision gesehen zu haben sitzt man hier an einigen Stellen regelrecht auf den Schlauch. Und selbst nachdem ich die grundlegenden Beweggründe von Wanda verstanden habe, konnte mich ihre Entwicklung gar nicht überzeugen. Dabei sei angemerkt, dass Wanda trotzdem die Figur mit dem größten Charakterfokus des gesamten Films ist.

Und das im titelgebenden Multiversum ist schlicht ein schlechter Witz. Es werden lediglich drei unterschiedliche Multiversen gezeigt, die nicht mal eine wirkliche Relevanz für die Geschichte haben. Die Welten bleiben eher oberflächlich, zeichnen sich alle dadurch aus unglaublich langweilig und uninteressant zu sein und werden so schnell wieder verlassen, wie sie betreten wurden. Der Film hätte inhaltlich auch nur in einer Realität stattfinden können und trotzdem hätte sich kaum etwas an der eigentlichen Handlung geändert. 

Stattdessen verkommt das Multiversum hauptsächlich zur Bühne für Cameos, Anspielungen und massig Fanservice. Anders als bei Spider-Man: No Way Home bekommen die wiederkehrenden Figuren allerdings nichts zu tun. Die werden kurz präsentiert, damit der Marvel-Fan kurz mit dem Finger auf die Leinwand zeigen darf, erfüllen darüber hinaus aber selten einen sinnvollen narrativen Zweck. 

Genau so setzt man ein Multiversum nicht um! 

 

Leider gehen auch die Figuren und die Beziehungen in diesem ganzen Chaos weitgehend unter. Wie gesagt erhält Wanda noch die größte Charakterisierung, doch alle andern Figuren bleiben erschreckend blass. Doctor Strange verkommt zu weiten Teilen der Handlung zum passiven Protagonisten, der von den Ereignissen und Figuren durch die Gegend geschubst wird, anstatt selbst aktiv Entscheidungen zu treffen.

America Chaves darf dagegen den halben Film fleißig die Exposition aufsagen und ansonsten die klassische Damsel in Distress spielen. Ihre Fähigkeiten werden nur oberflächlich erklärt und kommen innerhalb der Handlung kaum sinnvoll zum Einsatz. 

Außer Strange, America Chaves und Wanda gibt es letztlich aber auch keine interessante Nebenfigur, die den Film in diesem Bereich retten könnte. Wong bekommen erstaunlich wenig zu tun, Dr. Palmer passiert gefühlt gar nicht und Baron Mordo bleibt schließlich erschreckend blass. Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Interesse der Film an seinen Figuren hat, während gleichzeitig ganze Sequenzen dafür aufgewendet werden, billige Cameos ins Bild zu schieben. 

 

Zumindest holt das Schauspiel noch einiges raus.

Benedict Cumberbatch gefällt mir weiterhin sehr gut und kann besonders gegen Ende nochmal schön aufspielen. Benedict Wong funktioniert als Wong nach wie vor hervorragend als Sympathieträger, wenn er im Film mal zu sehen ist. Und auch Chiwetel Ejiofor bringt als Baron Mordo in seinen wenigen Szenen eine spürbare Präsenz mit.

Anders sieht es bei Xochitl Gomez aus, die als America Chaves für mich relativ blass bleibt und ihrer Figur nicht wirklich Leben einhauchen kann. Und Elizabeth Olsen schlittert als Wanda stellenweise gefährlich nah am Overacting vorbei. In ihren aggressiven Momenten funktioniert ihr Spiel noch überraschend gut, ihr Dialoge dagegen wirken häufig zu gekünstelt und Charaktermomente dadurch eher lachhaft. Das dürfte aber auch eine starke Geschmacksfrage sein.  

 

Bevor ich zu meinem persönlich Lieblingsthema komme, möchte ich noch eine Lanze für die Inszenierung brechen.

Ja, diese ist teilweise durch zahlreiche hektische Schnitte für die inhaltliche Verwirrung mitverantwortlich. Trotzdem schaut sich der Film für MCU-Verhältnisse erfrischend anders und trägt deutlich mehr Sam Raimis Handschrift, als ich anfangs erwartet hätte. Ob man seinen verspielten Stil mag, bleibt natürlich auch eine Geschmacksfrage. Für mich gehört die Inszenierung aber definitiv zu den wenig positiven Aspekten des Films. 

Eine weiterer Pluspunkt für mich ist der ungewöhnlich hohe Gewaltgrad. Natürlich ist das keine Splatter-Orgie a lá Evil Dead, das ist immer noch ein Marvel-Film. Nichtdestotrotz bringt der Film sein PG-13-Rating durchaus an seine Grenzen. Figuren sterben sichtbar, teilweise sogar für das MCU ungewohnt explizit und auch die dezenten Horror-Einschübe sorgen dafür, dass sich Doctor Strange in the Multiverse of Madness zumindest tonal angenehm vom sonstigen Marvel-Einheitsbrei abhebt.

 

Leider kommen wir damit wieder zu einem Problem, welches im MCU mittlerweile immer schlimmer wird und ich einfach nicht Müde werde dies zu erwähnen. Die Rede ist selbstverständlich von katastrophalen CGI-Effekten.

Ich bin jedes mal aufs Neue fasziniert davon, wie die Effektqualität im größten Film-Franchise der Welt derart den Keller runter gehen kann, während gleichzeitig die Budgets für diese Filme exorbitant größer werden. Wie dieser Film laut offiziellen Angaben zufolge aber ein Budget von knapp 400 Mio. $ (!?!?) verschlingen konnte, bleibt für mich ein Rätsel.

Natürlich sind nicht alle Effekte schlecht, dass wäre auch unmöglich. Viele der komplett computergenerierten Szenen sehen durchaus beeindruckend aus und man muss lobend erwähnen, dass in die Designs vieler CGI-animierten Elemente im Film eine gewisse Kreativität geflossen ist.

Das Problem mit der Effektqualität (Sprich: Dem Aussehen vieler Effekte) liegt weiterhin nicht bei den VFX-Künstlern selbst, sondern an vielen unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Schlechte Regie- oder Produzentenanweisungen, überforderte VFX-Künstler, überlastete VFX-Studios, zu knappe Deadlines, ständige Änderungen durch Drehbuchänderungen oder umfangreichen Nachdrehs erschweren solche Produktionen enorm. Das ist bei dieser Diskussion wichtig zu berücksichtigen. Der folgende Abschnitt ist demensprechend nicht an die hart arbeitenden VFX-Künstler gerichtet, sondern hauptsächlich an die Entscheidungsträgern des Films, die offensichtlich von Effektarbeit keinen blassen Schimmer haben. 

Besonders schlimm sind erneut digital erweiterte Hintergründe. Häufig passt die Beleuchtung überhaupt nicht zu den realen Schauspielern und Requisiten im Vordergrund. Die unzähligen CGI-Monster schwanken massiv in ihrer Qualität, Action-Szenen verlieren sich in einem Effektgewitter aus unansehnlichen Farben und Partikeln, die alle zu einem großen Brei verschwimmen, CGI-Objekte haben keine nachvollziehbare Physik, was deutlich zu sehen ist und viele der digital erweiterten Kamerafahrten lassen sich ebenfalls sofort entlarven, was mich zumindest jedes Mal aus dem Film reißt. 

Um die größten Probleme des Films an einer einzigen Sequenz festzumachen, muss man eigentlich nur auf die erste größere Action-Sequenz gegen das Tentakel-Vieh schauen:

Der Film wirft den Zuschauer ohne logischen Aufbau direkt in den Kampf. Figuren tauchen plötzlich mitten im Geschehen auf und man versteht als Zuschauer gar nicht was gerade überhaupt passiert. Dann sieht der Kampf Effekte-technisch unendlich mies aus, mit fast allen Problemen, die ich oben genannt habe und könnte so auch aus dem misslungen Green Lantern Film entsprungen sein. Und am Ende besitzt die gesamte Sequenz nicht mal eine nennenswerte Relevanz für die nachvollgehende Geschichte.

Das ist Doctor Strange in the Multiverse of Madness in einer Nussschale.

 

 

Wie so oft bei meinen Kritiken dürfte die abschließende Wertung ein wenig überraschen. 

Nach all den negativen Worten würde man vermutlich eine Wertung irgendwo im Bereich von 2 bis 3 Punkten erwarten. Tatsächlich hatte ich bei diesem Trainwreck aber erstaunlich viel Spaß. Nicht weil der Film gut wäre, sondern weil hier so viel fundamental kaputt ist, dass mich das beim schauen extrem unterhalten hat.

Nichtsdestotrotz bleibt Doctor Strange in the Multiverse of Madness für mich ein erschreckend schwacher Film, der in meinem persönlichen MCU-Ranking ziemlich weit unten anzusiedeln ist. 

Empfehlen kann ich das Ganze eigentlich nur eingefleischten Marvel-Fans, die den Marvel Studios ohnehin alles aus der Hand fressen. Da die Meinung zu diesem Film aber auch stark auseinandergehen, lohnt es sich durchaus, sich selbst ein Bild zu machen. 🙃

Punkte (4,5/10) 


Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.

Erstelle deine eigene Website mit Webador